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 Zufalls-Artikel erstellt am: 21.10.07 18:03

von: Martin Schührer Kategorie: Technik

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Tödlicher Wingsuitunfall. Fakten, Fragen, Forderungen
"Die bereits zuvor übersandten Informationen über den Unfall waren korrekt: der Springer hatte lediglich 110 Sprünge insgesamt, hatte seine Beingurte nicht angelegt und ist auch keinem Gear-Check unterzogen worden, bevor er das Flugzeug verliess. Das Training für seinen Wingsuitsprung wurde durch einen Springer an der Dropzone durchgeführt, der nicht der Schule Sebastian's angehört."
Dies schreibt mir Jim Crouch von der United States Parachute Association -USPA- (zuständig dort für Sicherheit) auf meine Frage, was es mit dem tödlichen Unfall eines Wingsuiters in Sebastian, Florida, vor wenigen Wochen, auf sich habe.
Soweit also die Fakten.
Kommen wir zu den Fragen und Folgerungen: kann so etwas auch bei uns in Deutschland und Europa passieren? Im Geltungsbereich unserer beiden Verbände? Und darüber hinaus? Bisher verweisen alle offiziellen Stellen, wenn es um das Fliegen mit Flügelanzügen geht, meist auf die "Herstellerrichtlinien". Was in der Praxis dann dazu führt, dass man in dem einen Land ursprünglich insgesamt mal mindestens 500 Sprünge nachweisen musste, dann nur noch 250 (Deutschland), die USA kommen mit 200 Sprüngen aus, einige Hersteller von Wingsuits selbst fordern 200 Sprünge, allerdings "in den letzten 18 Monaten"; andere Länder, wie Frankreich, scheinen gar keine Mindestsprunganzahl zu preferieren, sondern setzen lieber auf Modelle, die eher dem deutschen Motorrad-Stufenführerschein ähneln: man muss sich dabei von kleinen Wingsuit-Modellen (unter Lehreraufsicht) auf größere "hochdienen", um das mal salopp zu formulieren.
Aber alle diese Regeln, so sinnvoll und gutgemeint sie auch sein mögen, laufen ins Leere, wenn sich heutzutage jemand  einfach bei EBAY oder sonstwo einen Anzug "schiesst", sich anschliessend als "Normalo-Skydiver" am Manifest eincheckt - und dann plötzlich doch, ungecheckt, mit seiner "Kutte" dasteht - und einsteigt.

Fragen:
Wer will hier für seinen Sprungplatz ernsthaft und verbindlich ausschliessen, dass so etwas möglich ist?
Beim Einchecken im Büro zeigen wir meist die Papiere und das Rig; insbesondere inspiziert werden dabei zumeist die Reservepackkarten. (Offenkundig will man so sicherstellen, dass, "wenn wirklich was ist, auch wenigstens was aufgeht", mal einfach ausgedrückt.) Solche Sorgfaltspflicht und Mühe unterbleibt aber zumeist vollständig, wenn es sich um Wingsuiter handelt: beim Einchecken wird in aller Regel noch nicht einmal gefragt, was man denn so machen werde, in der Luft. Dass es schon Berechtigungsnachweise gibt, Einträge ins Sprungbuch, regelrechte Ratings usw., scheint noch weitestgehend unbekannt zu sein. Oft sind die Manifest-Bediensteten auch keine Springerinnen oder Springer (Piloten sind es ebensowenig) und fragen auch nicht danach!

Nochmal: wäre es bei Euch an der DZ und im Club von daher wirklich ausgeschlossen, dass ein Euch besuchender "clubfremder" Springer, der den ganzen lieben langen Tag schon brav mit Euch RW oder Solo gesprungen ist und dabei auch immer nette, unspektakuläre Landungen hatte, dass eben dieser junge Bursche dann abends, zum Sunset, doch einsteigt, mit seiner Flügel-Kombi? Unbemerkt? Oder wenigstens ungecheckt? Und, um noch eins draufzusetzen: wer soll ihn denn auch checken? Bei kleinen Clubs, ohne viel "BIRDMAN-Erfahrung"? Und wie checkt man? Wonach soll man denn gucken?? Beingurte, wie auf dem Foto zu sehen, befinden sich bei Wingsuits "innen" - ob angelegt oder nicht! Und übrigens -ich verrate hier kein Geheimnis!- hat man erstmal die Kombi angezogen, so hat man durch ihre Beinlinge und deren Passform das ähnlich bekannte Druckgefühl in der Leiste/am Oberschenkel, als wenn man Beingurte an hätte. Glaubt mir das bitte :( 

Genau das ist dem armen jungen Hund in Florida offenbar zum Verhängnis geworden.


Dabei ist  derzeit noch nicht bekannt, ob es sich in vorliegendem Fall um seine eigene Suit gehandelt hat, oder ob ihn wer  in eine "Demo reingequatscht" hat (soll es ja auch geben!); ferner ist bisher noch nicht bekannt, um welche Marke und welches Modell es sich handelt - was aber hier auch völlig egal ist und egal sein muss: "Markenkrieg" gibt es leider schon genug, in der Szene. Fakt ist, dass man, bauartbedingt, aus der einen Suit vielleicht leichter, aus einer anderen vielleicht schwerer "rausfallen" kann - raus kommt man aber aus jeder Suit und auch aus jedem Rig - wenn man sich nur dumm genug anstellt! Fest steht: es handelt sich hier um den meines Wissens ersten tödlichen Unfall dieser Art, hervorgerufen dadurch, dass (ein viel zu unerfahrener) Springer definitv seine lebensrettenden Beingurte nicht an hatte - und nicht geeignet kontrolliert wurde.

Der Trend bei Wingsuits geht in eine eindeutige Richtung. Spätestens seit dem unglaublich schönen und bisher welt-größten 71er in Lake Elsinore, 2008, ist klar, dass es sich hier nicht mehr um eine temporäre Mode-Erscheinung oder eine Randsportart handelt. Die soeben erstellten Regeln für die Wingsuit-Disziplin "artistic" zeigen ferner, dass das nix mehr sein wird für "alte Herren" (Autor natürlich ausgenommen).

2009 ist in Kalifornien ein 100-way geplant. Es gibt immer grössere Flügelanzüge, mit immer mehr Flügelfläche. Viele Suits verfügen bereits über Kunststoff-Verstärkungen, die den Flügeln in der Luft semi-rigide Profile verleihen. Die Filme und Bilder aus dieser "Ecke" werden immer bunter, spektakulärer und aggressiver (besonders wenn es um BASE geht), der Animations-Effekt hat bereits voll eingesetzt. Und die Zahl derer, die das, auch weit vor ihrer Zeit, probieren wollen, wächst.

Dabei müssen Unfälle  auch nicht immer gleich so drastisch ausfallen wie in Sebastian, Florida: Wingsuiter können, ungeübt und ohne Anleitung, beim Exit das Leitwerk Eures Fliegers beschädigen. Oder sich anschliessend mal saftig verfliegen und irgendwo am offenen Schirm zu hängen kommen, und sei es in einem Baum... Wer genug "mit sich zu tun hat" (auch Stabilität genannt), achtet schon mal nicht immer auf's "Heading"... Arbeit (für Euch) und Ärger (für alle) ist vorprogrammiert.
Forderungen:
Machen wir uns bitte nichts vor: alle Appelle an das Einhalten von "Hersteller-Richtlinien" werden so gut wie ungehört verhallen. Die Helmtrage-Quote bei Motorrädern und die Anschnall-Akzeptanz im Auto stieg erst signifikant nach Einführung von Bussgeldern und entsprechender Kontrolle sowie Sanktionen.  Offenkundig "tickt so der Mensch"? Wenn wir nicht aktiv einschreiten, werden AFF-Schüler noch während ihrer Ausbildung versuchen, sich Kameras umzuschnallen (selber gesehen in USA, letztes Jahr), und werden "Uhus", Springer unter hundert Sprüngen also, versuchen, sich mit Wingsuits ein bisschen weh zu tun. Oder mehr. Also müssen wir, ob wir das mögen oder nicht, einschreiten und Normen setzen. Und auf deren Einhaltung achten, sonst sind sie nicht das Manifest-Papier wert, auf dem sie (demnächst?) ausgedruckt sind!

Gut ist jetzt schon mal, wenn ein/e lizensierte/r Springer/in über einen Eintrag im Sprungbuch verfügt, aus der klar hervorgeht, mit welchem Wingsuit-Instructor wann und wo erfolgreich eine "Erstflug-Einweisung" ( z.B. bei der Fa. BIRDMAN im Handbuch auch FirstFlightCourse, FFC genannt) durchgeführt wurde.
Vorsicht ist geboten, wenn Ihr die Person nicht kennt und sie auch noch jung an Jahren und Sprüngen ist - und sie keinen solchen Eintrag vorweisen kann. Ist der Flügelanzug überhaupt der eigene? Oder geliehen? Wieviele Flüge Erfahrung gibt man vor zu haben? Wann und wo gemacht, mit wem? Kennt man die genannten Namen? Solche Fragen lassen sich doch wenigstens mal leicht im Gespräch stellen!
Gut wäre ferner, wenn Ihr an Eurer DZ  wen habt, die/der sich mit Wingsuits ausreichend auskennt und weiss, "wonach man gucken muss".
Am besten wäre meiner Ansicht nach (und mir ist klar: hier setzt nun die Diskussion ein): eine Wingsuit-Lizenz. Mitzuführen bei den anderen Papieren und auf Verlangen vorzuzeigen.

 
Eine gute Saison 2009  und  ClearSkies

 
ROLF BROMBACH
 
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